10-1-2007

 

Der Holocaust als offenes Geheimnis

 

Der Holocaust als offenes Geheimnis

Frank Bajohr, Dieter Pohl

Verlag: Beck C. H.
August 2006
Gebundene Ausgabe
156 Seiten
ISBN: 3406549780
EAN: 9783406549786

 

 

27-12-2006

   

Was die Deutschen wissen konnten

 

Rezensiert von JÖRG SPÄTER

 

PETER LONGERICH: „Davon haben wir nichts gewusst!”. Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933–1945. Siedler Verlag, München 2006. 400 Seiten, 24,95 Euro.


FRANK BAJOHR/DIETER POHL: Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten. Verlag C.H. Beck, München 2006. 156 Seiten, 18,90 Euro.

 

Der Techniker Karl Dürkefelden aus Celle las im Februar 1942 in der Niedersächsischen Tageszeitung, dass Hitler die Ausrottung der Juden angekündigt habe. Kurz zuvor hatte er im Zug einen deutschen Soldaten von Massenvernichtungen im Osten reden hören. Im Juni des Jahres berichteten ihm sein Schwager und dann sein Arbeitgeber, dessen Sohn bei Bialystok eingesetzt war, von Massenexekutionen. Weitere Schreckensgeschichten von Soldaten auf Heimaturlaub folgten im Laufe des Sommers. Ab Herbst 1942 nannte der deutschsprachige Sender der BBC Zahlen über den Massenmord an den Juden. Innerhalb eines Jahres hatte Dürkefelden, ohne jemals in der Nähe von Mordstätten gewesen zu sein, somit so viele Informationen über die Vernichtung der Juden erhalten, dass er sie zu einem Gesamtbild zusammenfügen konnte, das über den systematischen Massenmord keine Zweifel aufkommen ließ. Der Holocaust war ein „offenes Geheimnis” – wie die Studien von Peter Longerich einerseits und dem Autorenpaar Frank Bajohr und Dieter Pohl andererseits deutlich machen.


Resonanzboden des Regimes


Trotz des Geheimhaltungsgebotes des konkreten Mordens wurden die umlaufenden Gerüchte zum einen durch das Regime immer wieder indirekt bestätigt, zum anderen bekannte es sich in aller Offenheit und unmissverständlich zur Vernichtung der Juden, ja erhob diese sogar zum Kriegsziel. Infolge von Propaganda und Repression habe „man” sich gefügt, stellt Longerich fest. In Wirklichkeit seien die mörderischen Aktionen der Nazis nämlich auf Ablehnung und Unwillen gestoßen. Außerdem habe „man” verdrängt , ein „Nicht-Wissen-Wollen”.
Longerich will einerseits die Lebenslügen der Deutschen weiter angreifen, andererseits ihre Verhaltensweise in Schutz nehmen. Vor allem aber beansprucht er eine neue Perspektive auf die Quellen wie etwa die Berichte des Sicherheitsdienstes über die Stimmung in der Bevölkerung, auf die sich die bisherige Literatur über die „öffentliche Meinung” im Nationalsozialismus wesentlich gestützt habe. Diese Berichte, meint Longerich, gäben keineswegs eine öffentliche Meinung wieder, die es in einer Diktatur gar nicht geben könne, sondern dokumentierten einen Resonanzboden für Entscheidungen des Regimes. Die immer wieder auftretenden antisemitischen Kampagnen deuteten gerade daraufhin, dass es eben keinen antisemitischen Konsens in der Bevölkerung gegeben habe.
Longerichs quellenkritische Anmerkungen sind zwar einleuchtend – aber gerade deshalb ist es schwer zu glauben, dass Historiker wie Kershaw, Bankier oder Gellately, die sich mit der öffentlichen Meinung im Dritten Reich beschäftigt haben, derart naiv mit den Stimmungsberichten umgegangen seien. Longerichs Schlussfolgerung, antisemitische Propaganda weise auf einen Mangel an Antisemitismus hin, ist nicht zwingend.
Zu Recht fordert Longerich allerdings, die Quellen der Sicherheitsdienste nach ihrem Kontext zu bewerten. So müsse zum Beispiel das Eigeninteresse der Berichterstatter – etwa die Vermittlung von Zustimmung durch diejenigen, die für die gute Stimmung verantwortlich waren – berücksichtigt werden. Diese kritische Bewertung legt er jedoch nicht in gleicher Strenge an andere Quellen an. Die Berichte der Exil-SPD etwa werden als Beleg für die ablehnende Haltung der Bevölkerung zu antijüdischen Pogromen angeführt. Doch die Sozialdemokraten waren im Ausland darum bemüht, sich selbst als das „andere Deutschland” anzupreisen und eine Anwaltsfunktion für das „deutsche Volk in Ketten” auszuüben, für das sie zu sprechen beanspruchten. Sie hatten somit ein Interesse daran, das Regime als usurpatorisch darzustellen, was sicherlich auch die Berichte aus dem Reich mitbestimmt haben könnte.
Andere Quellen, die eine gewisse Komplizenschaft der „gewöhnlichen Deutschen” mit der verbrecherischen Politik des Regimes nahelegen, werden von Longerich gar nicht erst herangezogen. Die Akteure an der Ostfront, die in den organisierten Mord als Täter oder Zeugen eingebunden waren und durch die Karl Dürkefelden sein Wissen bezog, spielen eine untergeordnete Rolle. Der Themenkomplex „Arisierung” ist ausgespart, auch fehlen Zeugnisse der Opfer, der deutschen Juden, die unentbehrlich für eine große These über „die Deutschen” sind.


Antijüdischer Konsens


Die Perspektive und Erfahrungen der betroffenen Juden kommen dagegen in Bajohrs und Pohls Buch „Der Holocaust als offenes Geheimnis” zum Tragen. Durch sie wird zum Beispiel deutlich, dass die Isolation und Verdrängung aus dem gesellschaftlichen Alltag weiter ging, als die gesetzlich verfügten Ausgrenzungsbestimmungen vorsahen. Die Praxis der Judenverfolgung, vor allem wenn es um Eigentumsübertragungen und Machtgelüste ging, verlief oft von unten nach oben. Damit ergibt sich auch ein anderes Verständnis von Herrschaft: Selbst eine diktatorische ist eine soziale Praxis, an der die „Beherrschten” in vielfältiger Weise beteiligt sind. Bajohr spricht von einer „Zustimmungsdiktatur”, die auf die „Volksmeinung” durchaus Rücksicht nahm und sich nach 1933 auf eine wachsende Konsensbereitschaft der Gesellschaft gestützt habe.
Hinsichtlich der Judenfrage, so Bajohr und Pohl, habe es einen solchen Konsens gegeben – nämlich, dass Juden nicht zur „Volksgemeinschaft” gehörten. Die Politik der Ausplünderung von Juden und der erzwungenen Emigration stieß auf wenig Vorbehalte. Dieser antijüdische Konsens bedeutete jedoch nicht die Zustimmung zum Massenmord. Typisch ist wohl eine Äußerung von Berliner Besuchern der SD-Außenstelle Leipzig vom August 1942: „Die Judenfrage konnte Hitler auch anders lösen. Menschlicher! So hatte er es nicht nötig!”

 

 

taz Magazin vom 21.10.2006, S. VII, 137 Z. (Kommentar), CHRISTIAN SEMLER

 

Das Offensichtliche übersehen

In pointierten Essays zeigen Frank Bajohr und Dieter Pohl, wie die Deutschen vom "offenen Geheimnis" Holocaust wissen konnten und wie lange die Alliierten den Genozid ignorierten

CHRISTIAN SEMLER

Frank Bajohr, Dieter Pohl: "Der Holocaust
als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die
NS-Führung und die Alliierten". C. H. Beck,
München 2006, 156 Seiten, 18,90 Euro

 

Autorenpech. Kaum hatte Peter Longerich sein ebenso vielbeachtetes wie kontroverses Werk über die Deutschen und die Judenverfolgung "Davon haben wir nichts gewusst!" herausgebracht, da folgte ihm zum gleichen Thema die Doppelstudie von Frank Bajohr und Dieter Pohl auf dem Fuße.

Beide Autoren, Zeitgeschichtler aus Hamburg und München, gehören der jüngeren Historikergeneration an. Bajohr widmet sich dem Holocaust als "offenem Geheimnis" (bei Longerich "öffentliches Geheimnis"), Pohl analysiert, wie die Öffentlichkeit und die Regierungen in den Ländern der Anti-Hitler-Koalition auf die Nachrichten vom Massenmord an den europäischen Juden reagierten. Zudem geht es um die Versuche der deutschen Propaganda, diese Reaktionen zu konterkarieren - ein bislang wenig erforschtes Thema.

Bajohrs Studie stützt sich im wesentlichen auf die gleichen Quellen wie die Longerichs. Dennoch bietet sie, wie auch der Aufsatz Dieter Pohls, neue Einblicke. Beide Arbeiten argumentieren pointiert. Das ist keine leichte Aufgabe angesichts des schwierigen Themas, über kollektive Stimmungen, Gefühle und Kenntnisse während der Nazi-Zeit urteilen zu müssen. Und außerdem sind beide gut lesbar.

Während Longerich umfänglich die verschiedenen Etappen der nazistischen antijüdischen Propaganda und deren Widerhall in der Bevölkerung darstellt, steuert Bajohrs Studie unmittelbar die Haltungen unter der Bevölkerung an. Sein Ansatz ist sozialhistorisch geprägt. In den verschiedenen Etappen der Nazi-Diktatur sieht er nicht nur den Gegensatz zwischen Regime und Gewaltunterworfenen, sondern auch eine aktive, interessengeleitete Mitwirkung großer Bevölkerungsteile, ganz in Übereinstimmung mit der These von der "Zustimmungsdiktatur". Allerdings bröckelt nach Bajohr der antijüdische Konsens nach der Kapitulation der 8. Armee in Stalingrad. Mit dem Schwinden aller Siegeshoffnungen steigt die Angst vor der Strafe, gefolgt von Gewissensbissen und Schuldprojektionen.

Bajohr lässt keinen Zweifel, dass eine große Zahl von Deutschen, sicher die Mehrheit, in der einen oder anderen Art von dem Massenmord an den europäischen Juden Kenntnis hatte. Dass nur wenige "Volksgenossen" in der Lage waren, ein umfassendes Bild der Mordaktionen zu gewinnen, schreibt er eher einem Nicht-wissen-Wollen zu als den Schwierigkeiten der Nachrichtenbeschaffung.

Obwohl es hier, etwa bei der Bewertung von Tagebuchaufzeichnungen, unterschiedliche Auffassungen zwischen Longerich und Bajohr gibt, stimmen beide Autoren doch in der Hauptsache überein: Charakteristisch für die Haltung nach Stalingrad war das Bedürfnis, sich dem Wissen über das Offensichtliche zu entziehen und in "ostentative Ahnungslosigkeit" (Longerich) zu entfliehen. Ob allerdings, wie Bajohr meint, der grundlegende antijüdische Konsens zwischen der Nazi-Führung und der Bevölkerung in den beiden letzten Kriegsjahren zerbrach, darüber lässt sich nur spekulieren. Eine Reihe von Bajohr aufgeführte Indizien sprechen allerdings dafür, nicht zuletzt die sich abzeichnende Niederlage des "Dritten Reiches".

Pohls Studie zeichnet nach, wie früh die Alliierten vom Beginn der nazistischen Massenmorde unterrichtet waren und in wie geringem Umfang sie öffentlich reagierten. Erst 1943, nach der "Räumung" des Warschauer Ghettos, nahmen Pläne für ein Kriegsverbrechertribunal konkrete Form an, konnten allerdings nicht verhindern, dass die Mordaktionen weitergingen. Präzise beschreibt Pohl die Gegenpropaganda der Nazis, die sich vor allem an der Aufdeckung des Massengrabs von Katyn festmachte, wo der sowjetische Geheimdienst tausende polnischer Offiziere und Funktionsträger ermordet hatte. Diese groß angelegte Propagandaaktion sollte die Glaubwürdigkeit der von der Sowjetunion vorgelegten Beweise für die nazistischen Mordaktionen auch in der westlichen Öffentlichkeit zerstören. Angesichts der zunehmenden Dichte der nazistischen Verbrechensspuren wie der Aussagen von NS-Tätern blieb die Propaganda-Gegenoffensive ohne Erfolg.

Pohl wirft nicht die Frage auf, ob militärische Aktionen der Alliierten wenigstens 1944 das Leben von KZ-Häftlingen hätten retten können. Er lässt aber keinen Zweifel daran, dass die Nazi-Führung gewillt war, ihre Vernichtungspolitik "bis zum Ende" durchzuführen. Ebenso eindrucksvoll wie deprimierend schildert Pohl, mit welchem Erfolg eine große Zahl von Mördern und Helfershelfern sich nach 1945 der Verfolgung entzog, welch durchschlagende Wirkung die Legende von der Alleintäterschaft der SS entfaltete und wie so viele Deutsche sich nach der Kapitulation von Mittätern und Mitläufern zu Opfern stilisierten.

 

 

Berliner Zeitung, 2.10.2006

 

Volksgenossen, kauft nicht bei Nivea

Was wussten die Deutschen vom Mord an den Juden? Das fragen Frank Bajohr und Dieter Pohl in einem klugen Essay

Andreas Mix

 

Frank Bajohr, Dieter Pohl: Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten. C.H. Beck, München 2006. 156 S. 18,90 Euro.

 

Als Daniel Goldhagen vor genau zehn Jahren behauptete, ein "eliminatorischer Antisemitismus" habe die Deutschen zum Holocaust getrieben, waren die Historiker empört. In seltener Einstimmigkeit lehnte die Zunft dessen These ab. Goldhagens Frage aber, was die Deutschen vom Judenmord wussten und wie sie darauf reagierten, fordert sie immer noch heraus. So belegte Peter Longerich in seiner im Frühjahr veröffentlichten Arbeit ("Davon haben wir nichts gewusst!") anhand der Lageberichte des Sicherheitsdienstes und der Akten des Propagandaministeriums, dass der Judenmord ein "öffentliches Geheimnis" war.

Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangen nun auch Frank Bajohr und Dieter Pohl, zwei ausgewiesene Fachleute des Nationalsozialismus. Auf knapp achtzig Seiten skizziert Bajohr, wie sich die Deutschen zur Ausgrenzung und Verfolgung der Juden im "Dritten Reich" verhielten. Beispielhaft beschreibt er, wie Kinder und Jugendliche öffentlich Juden anpöbelten, "Volksgenossen" ungeniert auf "Arisierungsgewinne" schielten und Unternehmen gezielt die jüdische Konkurrenz brandmarkten. "Wer Nivea-Artikel kauft, unterstützt damit eine Judenfirma!", klärte eine Kosmetikfirma ihre Kunden auf. "Lovena-Creme ist mindestens gleich gut, ist billiger und rein deutsch."

Mit der wachsenden Popularität der nationalsozialistischen "Zustimmungsdiktatur" (Aly) schwand die Solidarität mit den Verfolgten. Der "antijüdische Konsens" schloss partielle Kritik jedoch nicht aus. So wurden die Ausschreitungen im Zuge des Novemberpogroms 1938 oft als sinnlose Zerstörung von "Volksvermögen" kritisiert. Die Deportationen der deutschen Juden ab Herbst 1941 fanden vor aller Augen statt. Was mit den Juden im Osten geschah, konnten sich die Deutschen anhand von Gerüchten, offiziellen Verlautbarungen und den deutschen BBC-Nachrichten zusammenreimen - sofern sie es denn wollten. So war ein Ingenieur an der Heimatfront durchaus davon im Bilde, dass die Juden "in Warschau in Güterwagen geladen, verschlossen, in freies Gelände gefahren und vergast wurden".

Als die Kriegswende mit der Niederlage von Stalingrad offenbar wurde, wich die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Juden einem diffusen schlechten Gewissen und der Angst vor Vergeltung. Die alliierten Bombenangriffe galten als Racheakte. Die Vorstellung, "daß wenn wir die Juden nicht so schlecht behandelt hätten, wir unter den Terrorangriffen nicht leiden müßten", wurde zu einem Topos in den SD-Lageberichten. Von hier aus war es nur noch ein Schritt bis zur Schuldabwehr und dem Selbstmitleid der Deutschen in der Nachkriegszeit.

Wie die alliierte Berichterstattung über die NS-Verbrechen auf das Regime zurückwirkte, beschreibt Dieter Pohl. Das Auswärtige Amt, die Wehrmacht und das Propagandaministerium beobachten sehr genau die bruchstückhaften Berichte der Alliierten und ihre frühen Prozesse gegen NS-Verbrecher. Von einer offensiven Gegenpropaganda, wie im Frühjahr 1943, als in Katyn die Massengräber der vom NKWD erschossenen polnischen Offiziere entdeckt wurden, sahen die deutschen Behörden zumeist ab. Zu groß und offensichtlich war das eigene Schuldkonto.

Das Buch ist ein kluger und gut lesbarer Essay auf der Höhe der Forschung - der immer noch viel offen lassen muss. . Auch eine Dekade nach der Goldhagendebatte ist das Verhalten der Deutschen zum "Verwaltungsmassenmord" (Hannah Arendt) nicht genug erforscht.

 

 

 

 

Artikel erschienen am 30.09.2006

 

Perlen der Buchmesse: Hier wählt Hannes Stein für Sie aus

Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten. Von Frank Bajohr und Dieter Pohl. C. H. Beck, München. 151 S., 18,90 EUR. Vielleicht die größte Entdeckung der Alfred Adler'schen Psychoanalyse ist das "tendenziös gelenkte Apperzeptionsschema". Im Gegensatz zur orthodoxen freudianischen Lehre, derzufolge es nur Wahrnehmung und hernach Verdrängung der unerwünschten Erinnerungen gibt, ist laut Adler der Wahrnehmungsapparat des Menschen immer schon und von vornherein interessegeleitet. Was uns also - aus welchen Gründen auch immer - nicht in den Kram passt, wird erst gar nicht ins Hirnkästchen hineingelassen. Wie wahr diese psychologische Theorie ist - das beweist der schmale Band von Frank Bajohr und Dieter Pohl, in dem noch einmal sine ira et studio zusammenfassend die Frage beantwortet wird, wer wann wieviel von dem Mord an sechs Millionen jüdischer Männer, Frauen und Kinder wusste. Der Befund: Von 1942 an waren "sehr vielen Deutschen Einzelheiten bekannt", während "nur wenige die Gesamtheit des komplexen Mordgeschehens überschauten, oder besser gesagt: überschauen wollten". Kaum jemand hatte Interesse, die grauenerregenden Teile des Puzzles zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. Der eigentliche Knüller verbirgt sich auf Seite 58: ein Ausriss aus dem "Danziger Vorposten" vom 13. Mai 1944. Der Gauleiter von Danzig brüstet sich dort, es seien bereits "fünf Millionen Juden ausgeschaltet". Wäre es möglich, dass ein überzeugter Nazi, der Mitglied der Waffen-SS war, bevor er Literaturnobelpreisträger wurde, diesen Artikel gelesen hat?

 

 

DeutschlandRadio Berlin

   

22.08.2006

 

Die Mär vom Nicht-Wissen widerlegt

Studie über Mitwisserschaft während des Holocausts

Rezensiert von Stephan Detjen

Frank Bajohr / Dieter Pohl: Der Holocaust als offenes Geheimnis
CH Beck Verlag, München 2006
149 Seiten, 18,90 Euro

Die Historiker Frank Bajohr und Dieter Pohl haben in ihrer Studie erforscht, was die Deutschen und die Alliierten über den Massenmord an den Juden wussten. In "Der Holocaust als offenes Geheimnis" zeigen sie unter anderem anhand von Tagebüchern, dass selbst einfache Bürger sich ein umfangreiches Bild von der Judenvernichtung machen konnten.

Die Frage nach dem Wissen führt unmittelbar in das Zentrum unserer kollektiven Identität. Die Frage: "Was habt ihr gewusst?" kettet die Generationen der Deutschen nach der Shoa aneinander und reißt zugleich moralische Klüfte zwischen ihnen auf. Die Behauptung, nichts oder doch nichts Genaues gewusst zu haben, war der Schutzreflex, mit dem Eltern und Großeltern ihre Verteidigungsstellung gegen die drängenden Fragen ihrer Kinder und Enkel bezogen.

Wo dem die Feststellung der Mitwisserschaft entgegengehalten wird, steht auch der Vorwurf der Mittäterschaft beunruhigend im Raum. Mitschuld lässt sich in diesem Zusammenhang kaum noch individualisieren. Wenn es gilt, dass alle es wussten oder hätten wissen müssen, trifft die Schuld kollektiv. Das ist der Sprengstoff, der sich in Frank Bajohrs und Dieter Pohls Untersuchung über den "Holocaust als offenes Geheimnis" verbirgt.

Die beiden renommierten NS- und Holocaust-Forscher, beide Vertreter der jüngeren Historikergeneration, legen mit ihrem Buch eine kompakte und auch für den historische interessierten Laien aufschlussreiche Studie vor. Auf einer breiten, wenn auch kaum neuen, Quellengrundlage entschlüsseln sie die Mechanik des Wissens, das sich über den Genozid sowohl im Deutschen Reich als auch bei den Alliierten verbreitete. Für eine ohne Anmerkungsteil nicht einmal 130 Seiten umfassende Studie wird da ein weiter Betrachtungshorizont aufgerissen.

Fast zwangsläufig bleiben deshalb am Ende manche Fragen offen und werden Deutungsangebote nur ansatzweise skizziert. Insoweit bleiben Bajohr und Pohl in ihrem Anspruch deutlich hinter der zwar auf Deutschland beschränkten, aber erheblich umfangreicheren und hoch gelobten Studie von Peter Longerich zurück, die gerade erst in diesem Frühjahr unter dem Titel "Davon haben wir nichts gewusst!" im Siedler-Verlag erschienen ist.

Das dieses für das Verständnis unserer Geschichte und unserer Gesellschaft so zentrale Thema erst jetzt, und dann gleich in zwei Monographien von der Ebene volkstümlicher Allgemeinplätze auf ein wissenschaftliches Niveau gehoben wird, ist schon für sich bemerkenswert. Interessant sind zudem die unterschiedlichen Wertungen, zu denen die Historiker auf im Wesentlichen gleicher Quellenbasis kommen.

Frank Bajohr etwa diagnostiziert bereits in der Frühphase der Judenverfolgung einen breiten "antijüdischen Grundkonsens" in der mehrheitsdeutschen Bevölkerung. Zusammen mit der nicht zuletzt materiellen Nutznießerschaft in Folge zunehmender Entrechtung habe dies dazu geführt, dass die Juden schon 1938/39 nicht mehr als Teil der Volksgemeinschaft angesehen worden seien. Damit war der geistige Grund gelegt, auf dem auch die 1941 beginnenden Deportationen auf eine Stimmungslage trafen, in der sich nach Bajohrs Einschätzung "aktive Zustimmung, Zurückhaltung und kritische Distanz" die Waage hielten.

Peter Longerich dagegen konnte in seiner Studie eine eindrucksvolle Vielzahl von Zeichen des Unmuts und Unverständnisses belegen, die ihn, was das Verhalten der deutschen Mehrheitsbevölkerung angeht, zu einem in Teilen milderen Urteil kommen lässt.

Ebenso bemerkenswert ist indes auch die Einigkeit, mit der Longerich ebenso wie Bajohr und Pohl den Kern ihres Themas fast wortgleich erfassen: Mit dem Begriff des "öffentlichen" beziehungsweise "offenen Geheimnisses" kennzeichnen beide Bücher das Ergebnis eines komplexen Ineinandergreifens von jedermann zugänglichen Informationen und einem breiten Schweigekonsens über die Wirklichkeit des millionenfachen Mordes.

Bereits in einer berüchtigten Rede vom 30. Januar 1939 hatte Hitler ganz offen die "Vernichtung" des Judentums angekündigt. Auf dem Höhepunkt der Deportationen ab 1941 wiesen der Diktator und die ihm dienende Propaganda immer wieder auf diese "Prophezeiung" hin und verstärkten die Botschaft, indem nun noch drastischer von "Ausrottung" die Rede war.

Berichte von Fronturlaubern, Feldpost aus dem Osten und zunehmend auch die im Geheimen viel gehörte BBC lieferten zunächst isolierte Hinweise, die sich jedoch lauffeuerartig durch die Bevölkerung verbreiteten. Blieb das Bild des Schreckens zunächst noch vage, so verdichteten sich die Informationen ab 1942 zu einem schlüssigen Gesamtbild.

Anhand konkreter Beispiele aus Tagebüchern und Aufzeichnungen weist Frank Bajohr nach, wie sich ganz einfache Leute, Handwerker, Techniker Hausfrauen, die selbst nie auch nur in die Nähe von Exekutionsorten oder Vernichtungslagern gekommen waren, ein präzises Bild des Massenmordes verschaffen konnten.

Dass es die offizielle Propaganda bei düsteren Drohungen, vagen Andeutungen beließ, stand der weit verbreiteten Kenntnis über die Wirklichkeit nicht entgegen. Bajohr analysiert überzeugend, wie gerade in dem Zusammenwirken aus unter der Hand verbreiteten Informationen und offiziellem Nicht-Sagen die spezifische Stimmung des Schreckens entstand, in der das vermeintlich im geheimen Geschehende zum Gegenstand allgemeinen Wissens wurde.

Konsequenterweise wurde das kollektive Befinden der Mehrheitsdeutschen in den späteren Kriegsjahren zunehmend auch von der nackten Angst vor der drohenden Strafe durch die heranrückenden Alliierten beherrscht. Der Bombenkrieg musste vor diesem Hintergrund als Vorwegnahme einer begründeten, wenn nicht gar verdienten Bestrafung gedeutet werden.

Als kaum weniger komplex schildert Dieter Pohl im zweiten Teil des Buches, wie sich das Wissen über das historisch einmalige Verbrechen unter den Alliierten verbreitete. Durch die Entschlüsselung deutscher Funkcodes erhielt die britische Regierung bereits im Herbst 1941 detaillierte Informationen über Massenerschießungen und Konzentrationslager im Osten.

Aus Furcht, die deutsche Militärführung könne die Unsicherheit ihres Funkverkehrs bemerken, machte die britische Regierung aber keinen politischen Gebrauch von ihrem Wissen. Weit mehr als für die Ausrottung der Juden im Osten interessierten sich die Westalliierten lange Zeit für Geiselerschießungen der deutschen Besatzungsmacht in Frankreich. Obwohl die Presse zunehmend über den Genozid an den Juden berichtete, blieben ernst zu nehmende Reaktionen der alliierten Regierungen oder militärische Konsequenzen aus.

Ob durch ein beherztes Eingreifen mehr Menschenleben hätten gerettet werden können, bleibt nach Einschätzung Pohls indes spekulativ. Sein Teil der Studie jedenfalls muss sich am Ende darauf beschränken, Perspektiven für eine weitere Erforschung der Interaktion zwischen NS-Führung und Alliierten aufzuzeigen.
 

 

N Z Z  Online

Neue Zürcher Zeitung, 27. September 2006, Ressort Feuilleton

Das historische Buch

Das offene Geheimnis

Frank Bajohr und Dieter Pohl über das Wissen um den Holocaust

Frank Bajohr, Dieter Pohl: Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten. Verlag C. H. Beck, München 2006. 156 S., Fr. 33.40.

Urs Hafner  

Was wussten die Deutschen, was wusste die Weltöffentlichkeit über die Verfolgung der Juden und den Holocaust? Und welche Konsequenzen zog man aus dem, was man wusste? Rund ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis diese Fragen von der Forschung konsequent aufgegriffen und von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen worden sind. Was jüngst Ies Vuijsje für die Niederlande aufgezeigt hat («Tegen beter weten in», Wider besseres Wissen, 2006), weisen nun – wie ebenfalls kürzlich Peter Longerich («Davon haben wir nichts gewusst!», 2006) – Frank Bajohr und Dieter Pohl für Deutschland nach: Ein grosser Teil der Bevölkerung wusste bereits während des Krieges über den Holocaust Bescheid.

Einseitigkeiten vermeiden

Mit ihrer Studie «Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten» wollen die beiden Historiker die Vereinseitigungen vermeiden, welche die Deutschen entweder zu von allem Anfang an mordwilligen Tätern – wie in Daniel Jonah Goldhagens Bestseller «Hitlers willige Vollstrecker» (1996) – oder aber zu reinen Opfern eines «diktatorischen Anpassungsdrucks» stilisierten. Im ersten Teil des schmalen Bands, der mehr eine Zusammenstellung von zwei anregend-ausgreifenden Forschungsskizzen denn eine abschliessend-konzise Summe darstellt, zeichnet Frank Bajohr die Entstehung des «antijüdischen Konsenses» in der deutschen Gesellschaft seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 nach. Er identifiziert mehrere Faktoren, die zur allgemein akzeptierten Verfolgung der Juden und zur Festigung dieses Konsenses bei Kriegsbeginn 1939 führten: unter anderen den verbreiteten, bereits in der Weimarer Republik gewalttätigen Antisemitismus, den Umstand, dass aus der «Arisierung» individueller finanzieller Profit zu schlagen war, sowie die volkswirtschaftlichen und militärischen Erfolge des Regimes.

Die den Juden drohende Vernichtung war allgemein bekannt: Wenn jüdische Mitbürger ab 1941 für ihre Deportation nach Osteuropa zusammengetrieben und ihre Habseligkeiten versteigert wurden, führte oft eine die Opfer verhöhnende Kinderschar die Menge der Schaulustigen an. Offenbar delegierten da Erwachsene jene Regungen, die ihnen als zu atavistisch erschienen, an den Nachwuchs. Unter dem Eindruck der Niederlage von Stalingrad brach der antijüdische Konsens ab 1943 zusammen.

Doch die nun zunehmende Distanzierung weiter Teile der «nichtjüdischen Volksgemeinschaft» vom Regime hatte nicht etwa eine Besinnung zur Folge: Die Volksgemeinschaft bildete stattdessen ein schlechtes Gewissen aus und verknüpfte die einsetzenden alliierten Bombardierungen auf eine schiefe Weise mit dem Holocaust, um den fast alle wussten, über den man aber nicht sprechen durfte. «Wisst ihr, warum unsere Städte bombardiert werden? Weil wir die Juden abgemurkst haben», sagte ein Berliner schon 1943 öffentlich. Dieses schlechte Gewissen führte noch vor Kriegsende zu einer diffusen Gemengelage aus «Vergeltungsängsten», «Schuldabwehr» und «Aufrechnungsstrategien». «Für jeden Juden, der im Konzentrationslager gestorben ist, sind Dutzende Deutsche bei Luftangriffen umgekommen», hiess es oft.

Die Weltöffentlichkeit

Diese Rechnung war auch Teil der Reaktion des nationalsozialistischen Regimes auf das internationale Bekanntwerden seiner Verbrechen. Wie Dieter Pohl im zweiten Teil des Buches zeigt, war die Weltöffentlichkeit dank Berichten der «New York Times», der NZZ, der «Times», der BBC und der «Prawda» über beinahe jede neue Stufe der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft informiert: von den Massakern in Polen und dann Russland bis zur letzten Phase der «Endlösung der Judenfrage», die bereits im Sommer 1942 ein «offenes Geheimnis» war. Doch zur planmässigen Vernichtung der Juden gaben die Alliierten erst im Dezember gleichen Jahres eine öffentliche Erklärung ab; eine Rettung der mit dem Tod Bedrohten scheint keine Priorität gehabt zu haben.

Auf Seiten der Nationalsozialisten führte die internationale, minuziös registrierte Berichterstattung einerseits zur Beschleunigung der Massenmorde, andererseits zur Intensivierung des Bemühens, diese geheim zu halten und zu vertuschen. «Stalingrad» brachte wiederum – wie schon im Verhältnis der Bevölkerung zum Regime – einen Einschnitt: Ab 1943 behaupteten die Nationalsozialisten in ihrer Gegenpropaganda, die Alliierten hätten sich weit mehr zuschulden kommen lassen als Deutschland. Zusätzlich stellten sie der Aufrechnung der Opfer ihrer Herrschaft gegen die «Kriegsverbrechen» der Westmächte eine neue Legende bei: Allein die paramilitärische «Schutzstaffel» (SS) habe die Juden verfolgt und vernichtet. Taumelten Regime und Bevölkerung gegen Kriegsende auch getrennt der Niederlage entgegen – in der im Hinblick auf die Nachkriegszeit ergriffenen und zum Teil bis heute untergründig virulenten Strategie, von allem nichts gewusst zu haben, gingen sie einig. .